Bericht einer Volunteerin aus Chios vorletzte Woche

IMG_2745 (1)Generelles zu Chios

Anders als auf der Balkanroute, sind auf Chios, mit Ausnahme des UN-Flüchtlingshilfswerkes, keine staatlichen oder nicht-staatlichen Organisationen aktiv. Aus diesem Grund ist es für Volunteers einfacher sich dort einzubringen. Man kann einfach überall hingehen und aktiv werden. Dadurch läuft aber auch alles über lokale und internationale Freiwillige – sie empfangen die Menschen auf dem Meer und an den Stränden, versorgen sie mit (trockener) Kleidung, geben Essen in den Camps aus und säubern die Strände. Und noch so vieles mehr…

Dies wird sich allerdings ändern, die griechischen Behörden denken über einen Registrierungsprozess für Freiwillige nach. Dieser soll aber weniger aufwendig werden als auf dem Balkan. Momentan geht es den griechischen Autoritäten vielmehr darum zu wissen, wer sich so auf ihren Inseln aufhält. Angeblich gab es auch auf Lesbos Ärger mit so genannten Freiwilligen gegeben haben, die Flüchtlinge bestohlen haben sollen.

Ganz besonders unter den Freiwilligen zu erwähnen sind die Einwohner der Insel, die – trotz ihrer eigenen nicht unbedingt großartigen Lage und ob der Tatsache, dass sie mit der schwierigen Situation schon seit Jahren konfrontiert sind – immer noch unermüdlich mit größtem Engagement (und noch größerem Herzen) die ankommenden Menschen unterstützen und helfen, wo sie nur können. Und das, ohne Animositäten, ohne sich zu beschweren. Diese Menschen verdienen definitiv unsere uneingeschränkte Bewunderung.

Meine Ankunft

In der Nacht vor meiner Ankunft kamen ca. 1000 Menschen auf Chios an. In den Morgenstunden etwa nochmal so viele, sodass die großartigen Menschen vom Coast Rescue Team aus einer 16 Stunden (+) Schicht  der Versorgung der ankommenden Menschen kamen und dann noch die Nachbearbeitung vor sich hatten… Daher war (selbstverständlich) zunächst an eine Einweisung der Neuen nicht zu denken.

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Volunteerin (nicht die berichtende) hilft einem Mädchen in trockene Kleidung

Ich habe mich dann zunächst mit dem phänomenalen Sascha vom Dresden-Balkan-Konvoi getroffen. Er hat eine Trockenkammer entwickelt, in der die nassen Schuhe der ankommenden Menschen in circa 2 – 3 Stunden (also noch während der Registrierung) trocknen können. So können die Geflüchteten die Schuhe quasi gleich trocken mitnehmen, wenn sie in die anderen Camps umziehen.

Wenn man sich vorstellt, dass alle Menschen völlig durchnässt aus den Booten kommen und die Trocknung vor allem der Schuhe bei den derzeitigen Witterungsbedingungen (auch in Griechenland) äußerst schwierig ist, dann kann man sich denken, dass diese Trockenkammer eine enorme Erleichterung des „Schuhproblems“ darstellt… Wenn es nach mir ginge, dürfte er gerne noch mehr davon bauen :) Da ich natürlich hier keine große Hilfe sein konnte, die Idee aber unbedingt unterstützenswert fand, habe ich mich also entschlossen, dass dies eine gute Möglichkeit wäre, einen Teil unserer Spendengelder zu investieren und habe 250 Euro dazugegeben.

Tausend Dank für euren Support! https://web.facebook.com/DDBalkanKonvoi/videos/906239536126144/

Posted by Dresden-Balkan-Konvoi on Donnerstag, 14. Januar 2016

 

Wie die Unterstützung abläuft

Das Coast Rescue Team (bestehend aus verschiedenen lokalen und internationalen Freiwilligen-Organisationen und nicht organisierten Freiwilligen) überwachen die Küste in mehreren Abschnitten und halten nach ankommenden Booten Ausschau. Dabei sind die Freiwilligen in Teams unterwegs, mit Auto, beladen mit trockener Kleidung, Rettungsdecken etc.

Ausschau nach ankommenden Booten halten
Ausschau nach ankommenden Booten halten
Kommunkationsausrüstung in dem Container, in dem die Infos zusammenlaufen
Kommunkationsausrüstung in dem Container, in dem die Infos zusammenlaufen

An Land angekommen, werden die (oft völlig durchnässten) Klamotten der Ankömmlinge ausgetauscht und sie werden betreut, bis ein Bus sie abholt uns in das Registrierungscamp bringt. Das ist nicht immer ganz einfach und komplikationsfrei. Die örtlichen Busbetriebe sind angewiesen diese Fahrten zusätzlich zu ihren normalen Fahrten zu machen, das bedeutet natürlich extra Arbeit für die Fahrer (und vor allem eben nachts, wenn die Boote ankommen) und es bedeutet auch, dass die Busse kostenpflichtig sind (3 Euro). Das führt (natürlich) schon mal zu Diskussionen, vor allem, wenn jemand kein Geld hat. Gott sei Dank sind diese Probleme aber meist auch sehr schnell gelöst – Dank des Engagements und der Sensibilität des Rescue Teams und Dank der Tatsache, dass auch hierfür schon mal Spendengelder verwendet werden können. Es ist ja auch klar, dass die Fahrer eben auch überleben müssen.

Orientierungsschild für Refugees
Orientierungsschild für Refugees

Die Busse bringen die Menschen dann in ein altes Tabaklager in der Stadt Chios, nach Tabakika. Hier werden die Menschen registriert und bekommen eine Art „access pass“ nach Europa. Damit können sie dann die Fähre nach Athen nehmen (kostenpflichtig). In Tabakika gibt es auch ärztliche Versorgung, von 08.00h bis 17.00h.

Im Anschluss an die Registrierung, werden die Menschen auf vor allem zwei Camps verteilt, wo sie auch schlafen werden: Souda und das Port Camp. Es gibt noch ein drittes Camp (in einem ehemaligen Theater?), dessen echten Namen ich leider vergessen habe, dass aber im „Volksmund“ auch nur als „forgotten camp“ bezeichnet wird.

Medizinische Versorgung erfolgt in Tabakika – wie gesagt tagsüber – durch Ärzte, vorher und nachher übernehmen dies Freiwillige (und Organisationen, z.B. WAHA), allerdings dann quasi ohne Equipment (dafür mit doppeltem Engagement). Im Notfall wird der Krankenwagen gerufen (so er denn erkannt werden kann).

Die Essensversorgung der Menschen erfolgt vornehmlich durch die Peoples‘ Kitchen, in der Ifty und Olli mit vielen anderen tollen Leuten mit größter Leidenschaft und unermüdlichem Engagement Suppen für die ankommenden Menschen kochen. Die Küche ist von privatem Geld und privaten Spenden angemietet, ebenso werden die laufenden Kosten gedeckt. Eine unglaubliche Leistung. Zweimal am Tag gibt es Suppe für alle, immer unterschiedliche, immer mit viel Liebe zubereitet und sehr sehr lecker :) Weil aber zweimal täglich Suppe für im Schnitt 750 Menschen pro Tag (ca. 0,50 Euro pro Mahlzeit) bedeutet, dass sehr sehr viel Gemüse geschnitten werden muss und es also immer was zu tun gibt, habe ich dann erst mal beschlossen, die Lieben ein wenig zu unterstützen. Zunächst dachte ich, wir gehen erst mal einkaufen (Danke an die tollen Spender) und dann sehen wir weiter. Relativ schnell war ich dann allerdings so hingerissen von diesen Menschen – ich hatte keine Ahnung mit wie viel Hingabe man Kartoffeln, Zwiebeln und anderes Gemüse putzen und schneiden kann…;-) – dass ich beschloss, auch einen Teil meiner Arbeitskraft hier einzubringen. Statistisch gesehen, habe ich jetzt glaube ich mein Soll an Gemüse schneiden pro Menschenleben erfüllt 😉

Essensausgabe
Essensausgabe

Zur gleichen Zeit entwickelte sich auch eine Zusammenarbeit der Peoples‘ Kitchen mit der German Alliance for Civilian Assistance, durch deren mobile Küche die Verteilung der Mahlzeiten deutlich erleichtert wurde. Zusätzlich versorgen die beiden Engel von Maekruna w Majnune (mittlerweile (?) auch zum D-B-K gehörig) die Menschen mit ihrer sehr tollen Feldküche mit heißem Tee, Snacks und vor allem Fürsorge und einem Lächeln.

Es gibt auch eine lokale Organisation, die die Menschen mit Sandwiches versorgt, allerdings lief dies bislang nur sehr unregelmäßig und unzuverlässig.

Frontex und Grenzsicherung

Als ob die Situation auf Chios (wie auch auf den anderen Mittelmeerinseln) nicht schon schwierig genug wäre, wurden quasi mit meiner Ankunft die Präsenz von Frontex und der Druck auf die griechischen Behörden deutlich erhöht. Da in der „Mission Grenzsicherung“ offenbar freie Hand für die Grenzschutzagentur besteht, hat man sich wohl dafür entschieden, dass ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit darin besteht, den Freiwilligen das Leben schwer zu machen. Durch vermehrte Kontrollen der Personalien bis hin zu kompletten Durchsuchungen der ankommenden Menschen, sowie ihren Unterstützern, wird offensichtlich konsequent versucht, die Freiwilligen mürbe zu machen.  Auch die Verhaftung der spanischen Rettungstaucher auf Lesbos ist Teil dieser Strategie. Selbstverständlich erfolglos!!! Außerdem ist sich die Türkei offenbar – ebenfalls in der gleichen Woche – bewusst geworden, dass sie Geld aus Europa bekommt, um „unsere Grenzen“ zu „sichern“, sodass das Camp in Cesme geschlossen wurde und alle Menschen nach Izmir zurück transportiert wurden. Dies hatte natürlich zur Folge, dass die Menschen einen noch beschwerlicheren (und teureren) Weg hinter sich hatten, als sie (oft völlig ausgehungert nach mehreren Tagen Versteckspiel mit den türkischen Behörden) endlich auf Chios ankamen. (Aber auch in diesen Fällen sind die Freiwilligen hier flexibel und geben einfach die Suppe des nächsten Tages mitten in der Nacht aus und arbeiten dann einfach durch, um auch wieder Mittagessen gewährleisten zu können.) Einige Ankommende berichteten auch von Schüssen auf die Boote seitens der türkischen Militärs – ich hoffe einfach mal, dass sie nicht wirklich gezielt haben….

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