Calais: Isolation statt Integration

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Changes von Bowie läuft bestimmt schon zum fünften Mal, während wir mit unserem Van vollgepackt mit Zelten, Schlafsäcken und Decken für 35 Minuten im Eurotunnel abtauchen. In Calais angekommen, blendet uns die Sonne ins Gesicht. Die Stimmung im Camp ist bedrückt. Viele Refugees lächeln und begrüßen uns, allerdings scheint das mit mehr Aufwand verbunden zu sein, als sonst. In der Stadt hat sich einiges getan. Die meisten Zelte sind stabilen Holzhütten gewichen. Viele neue Shops schmücken die Wege mit bunten Bemalungen und der Müll auf den Wegen hat sich deutlich reduziert. Der Jungle hat seit unserem Besuch im November eine rasante Entwicklung durchgemacht. „We really don’t know what will happen.“, sagte man uns im Warehouse, „we try to prepare everyone as good as we can and stay in solidarity with the refugees.“ Die französische Regierung hat den Campbewohner*innen drei Tage gegeben, um ausgewiesene Flächen zu räumen. Darauf sollen Bulldozer folgen, die alles platt machen, was ihnen in den Weg kommt. Die Refugees haben sich entschieden zu bleiben. „This is a community. We will stand together. We will not go to jail. This is a trap.“, sagt Said, ein 19 jähriger Syrer, der seinen Weg allein ins Camp gemacht hat.

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Die Refugees haben sich entschieden zu bleiben und werden von den Volunteers unterstützt

Circa 1800 Refugees sollen in zwei Tagen zwangsumgesiedelt werden. Und zwar in weiße Blechbunker umgeben von einem grünen Zaun. Am Eingangstor sollen Fingerabdrücke kontrolliert werden, wer zu lange wegbleibt, darf nicht mehr rein. Alles andere als einladend. Auch der weiße Grenzzaun, der den Übergang nach Großbritannien erschweren soll, wird gen Camp versetzt und einige Zelte werden ihm bedingungslos weichen müssen.

Der neue Containerplatz im Jungle
Der neue Containerplatz im Jungle

Direkt nebenan eine Schule für Künste und Berufe und Art in the Jungle, ein Ort für Kreative.

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„If they’d want to stay and the French government would let them do, this would be such a melting pot, such a good place to live in.“ Im Jungle hat sich eine kulturelle Vielfalt angesiedelt, die gerade erst zu glänzen beginnt. Damit soll nun Schluss sein. „Compared to Dunkirk, this is a 5 star Camp.“, sagt Said lachend. „People come into the Camp and lobby for these new homes. They say it’s much warmer and comfortable. I’d rather go to Lebanon where my brothers are than being pushed into these containers. We arranged us here with our situation. They want to isolate us and force resignation.“

Ob dieser Ort in zwei Tagen noch existieren wird, ist unklar

In den Containern gibt es ein einziges Fenster, das einem Briefkastenschlitz am nähesten kommt. Ansonsten gibt es nichts als gähnende Leere und Trostlosigkeit. 12 Personen sollen in einem Container zusammen wohnen. „This is crazy!“, ruft Said und kniet sich demonstrativ hin, „If people would sit in there normally, we’d hurt each others knees.“ Was mit dieser Maßnahme erreicht werden soll, ist mehr als offensichtlich. Ein Tor markiert den Eingang zum neuen Teil des Camps, die Angestellte vom Sicherheitsdienst sind  auf dem Gelände unterwegs. Die Container sind übereinandergestapelt, durchnummeriert. Ab fünf soll dort niemand mehr raus noch rein – kursiert es im Camp. „In my home they use these containers to store meat in and ship it to other countries. This is not built to live in. They treat us like dead animals.“

Die Ausgaben für die Container hätten deutlich besser genutzt werden können, um den Bedürfnissen der Campbewohner*innen gerecht zu werden. Statt buntem Chaos die totale Kontrolle. Das deutet in kleinster Weise darauf hin, dass die Regierung sich mit der Situation auseinandersetzen will. Ganz im Gegenteil: Es geht um Segregation – diese Menschen sollen durch den Entzug der Gemeinschaft dazu gebracht werden, zu stagnieren. „This is a dehumanizing act.“ – ein Akt gegen jegliche Form des Seins. Denn das ist es eigentlich, was die Refugees wollen, leben. Ganz einfach Gebrauch machen von den Grundrechten, die jedem Menschen zugestanden werden müssen. Im Camp kursieren sogar Gerüchte, dass die Regierung die Wasserversorgung stoppt, sollten die Geflüchteten sich nicht freiwillig einbunkern und jegliche Freiheiten abgeben, die sie sich in den letzten Monaten mühsam erarbeitet haben.

„I don’t care about my future. I just want my family, who is in Syria, safe and I want to work to transfer them money“, erzählt Said.

 

 

 

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